DER LEUCHTTURM AM MICHIGAN UND ANDERE ERZÄHLUNGEN VON BALDUIN MÖLLHAUSEN. MIT EINER EINLEITUNG VON TH.FONTANE.- STUTTGART: VERLAG VON W.SPEMANN. o.J. (1882).

EINLEITUNG
VON
THEODOR FONTANE.

Von niemand Geringerem als Lord Byron rührt der Ausspruch her, daß er dem Ehrgeiz und dem Reisen die Hauptanregung zu dichterischer Produktion verdanke. Der moderne Mensch wird ihm nach eigener Erfahrung zustimmen, und zwar je moderner desto mehr. Denn auch auf diesen Punkt hin angesehen, unterscheiden sich die Zeiten, und wenn das ritterlich und religiös empfindende Mittelalter in einem dieser Empfindung entsprechenden Geiste dichtete, so die Gegenwart  n i c h t  mehr oder doch nur in sehr vereinzelten Ausnahmefällen. Auch mit der "Minne" geht es bergab; was sich dafür ausgibt, bedeutet nicht viel. In der That, im Wettstreit mit dem noch vor wenig Jahrzehnten fast alleinherrschenden Liebesgott ist der Gott mit dem "geflügelten Fuß" immer mächtiger geworden, und wenn zu Lord Byrons Zeiten das Reisen oft nur Anstoß und Anregung zu dichterischer Produktion gab, so gibt es jetzt vielfach auch den  S t o f f .  Ein glänzendes Beispiel dafür ist Balduin Möllhausen.
     Balduin Möllhausen wurde den 27.Januar 1825 zu Bonn geboren und genügte Mitte der vierziger Jahre seiner Militärpflicht ebendaselbst. In der bald danach folgenden politisch unruhigen Epoche wiederholentlich in die Reihen der Landwehr einberufen, entfremdeten ihn diese Störungen seinem eigentlichen (landwirtschaftlichen) Beruf und bestimmten ihn, es draußen in der Welt zu versuchen. Ein gewisser Hang, sich innerhalb einer großen Natur der eigenen Kraft und Freiheit voller bewußt zu werden, mochte bei diesem Entschlusse mitwirken. Er verließ im Herbst 1849 Europa und ging nach Nordamerika. Hier fand er bald Gelegenheit, sich einer Expedition zuzugesellen, die seitens des Herzogs Paul Wilhelm von Württemberg nach den Rocky Mountains hin unternommen ward; er teilte die Gefahren derselben und zog endlich, als man von einem weiteren Vordringen Abstand nehmen mußte, mit einem zufällig des Wegs kommenden Indianerzug in nördlicher Richtung bis zu den Omahas oder Omaha-Indianern, unter denen er längere Zeit weilte, meist den Freuden und Anstrengungen der Jagd hingegeben. Er befand sich hier in der Nähe des Mississppi, was ihn bestimmte, seinen Rückweg unter Benutzung dieser großen Wasserstraße zu bewerkstelligen. Er schiffte sich ein, traf unterwegs abermals mit dem Württemberger Herzog zusammen, blieb kurze Zeit in New Orleans und kehrte nach vierthalbjähriger Abwesenheit im Januar 1853 wieder nach Europa zurück. Aber nur auf wenige Monate. Schon Anfang April schloß er sich, inzwischen abermals in den Vereinigten Staaten eingetroffen, als Topograph und Zeichner einem andern, noch wichtigeren Expeditionskorps an, das unter dem Befehle des mutigen und einsichtsvollen Leutnants Whipple aufbrach, um die Linie zu bestimmen, die die große, quer durch den Kontinent laufende Bahn von New York bis an den Stillen Ozean am besten einzuschlagen habe. Der Zweck dieser Expedition wurde vollkommen erreicht. Eine dritte Reise, der er oder andere den Namen der "Colorado-Expedition" gegeben haben, erfolgte drei Jahre später, im Juni 1857, und dauerte bis Herbst 1858.
     Es läßt sich mithin im Leben B.Möllhausens von einem Reise-Jahrzehnt sprechen, dem durch ihn selber und zwar in zwei großen Publikationen: "Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee" und "Forschungsreisen" eine wissenschaftliche Darstellung gegeben wurde. Das erstgenannte Werk erfreute sich der besondern Auszeichnung, durch Alexander von Humboldt in die Litteratur eingeführt zu werden, ein umso größerer Vorzug, als der berühmte Gelehrte während eines langen und vielbewegten Lebens überhaupt nur vier Vorreden geschrieben hat. Es heißt in diesem Vorwort: "Ich schreibe dasselbe durchaus unaufgefordert, einmal aus Achtung für die rastlose Thätigkeit des verfassers, nicht minder aus Achtung für die bescheidene Einfachheit seines kräftigen, überaus ehrenwerten Charakters, und endlich aus Achtung für ein ausgezeichnetes, durch den Anblick der freien Natur fast allein ausgebildetes Kunsttalent. ... Was der Herr Verfasser unter mannigfaltigen Entbehrungen, aber freilich auch unter ersatzgewährenden Naturfreuden erfahren hat, ist für seine geistige Ausbildung nicht verloren gegangen. Es galt eben auch hier das Schillersche Wort: 'Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken'."
     Soweit Humboldt über das Tagebuch.
     Es blieben indes nach Abschluß dieser großen wissenschaftlichen Reisewerke noch allerlei Bilder, Erinnerungen und Erfahrungen in des Verfassers Seele zurück, die, weil sie poetischer Natur waren, auch speziell den  P o e t e n  in ihm zur Gestaltung drängten, und so entstanden denn weiterhin jene der Erzählungslitteratur angehörigen Arbeiten, die mehr als alles Voraufgehende den Namen Möllhausens in Deutschland bekannt gemacht haben. Also Romane, Novellen, Erzählungen. Ihre zahl ist groß. Allein aus der Reihe der Romane nenn' ich hier folgende: "Der Halbindianer", "Der Flüchtling", "Der Majordomo", "Der Meerkönig", "Hochlandspfeifer", "Hundertguldenblatt", "Piratenleutnant", "Kesselflicker", "Finkenhaus", "Die beiden Einsiedlerinnen", "Das Monogramm", "Die Hyänen des Kapitals", "Die vier Fragmente", "Die Tochter des Konsuls", "Der Fanatiker". Ein großer Teil davon erschien vor seiner Buchpublikation in der "Kölnischen Zeitung", zu deren fleißigsten Mitarbeitern B.Möllhausen bis diesen Augenblick zählt. An diese Romane reihen sich zahlreiche Novellen und Erzählungen, auf deren Namhaftmachung ich hier verzichte. Aber eine Charakteristik dieser Erzählungen, wie seiner Arbeiten überhaupt, sei wenigstens versucht.
     Alles was B.Möllhausen produziert, hat eine starke Familienähnlichkeit; es sind Früchte vom selben Baum. Aber diese Familienähnlichkeit entstammt nur einer verwandten Art und Weise die Stoffe zu behandeln; die Stoffe selbst sind sehr verschieden. Aesthetisch und kritisch angesehen, gehören seine Bücher ein und derselben Richtung an, im Hinblick auf Unterhaltungs- und Belehrungsfähigkeit aber bieten sie stets etwas Neues. Seine Stoffe sind sehr verschieden, sagt' ich, und nur in  e i n e r  Beziehung ergibt sich auch hier eine Verwandtschaft: sie sind alle gleich sicher und gleich geschickt gewählt. Er hat eine glückliche Hand und weiß im voraus, daß sie gefallen werden. Das Wort Platens: "Handlung ist der Welt allmächtiger Puls" könnte Möllhausens Devise sein. Er hat eine Vorliebe für einfache Naturen, die mehr handeln als sprechen. In allem, was er schreibt,  g e s c h i e h t  etwas, und die Dinge, die, solang es Menschen gibt, die Menschen immer am meisten interessiert  h a b e n  und immer wieder am meisten interessieren  w e r d e n ,   d i e s e  Dinge führt er uns vor.
     Er ist der Schriftsteller einer frischen, lebendigen Handlung; das ist das erste. Was aber diesem ersten auf dem Fuße folgt, das ist: er ist auch der Mann der S c h i l d e r u n g . Vor allem seine Naturschilderungen sind von bemerkenswerter Schönheit und fesseln auch da noch, wo sie mehr Raum einnehmen, als sie nach dem Gestze des Romans villeicht einnehmen sollten. Man sieht, er schöpft überall aus dem Vollen. Er ist nicht umsonst über den Michigan gefahren, er hat nicht umsonst die Prärie durchmessen, er hat nicht umsonst am Bugspriet oder am Steuer unter der Glut der westindischen Sonne gestanden. In der That, es ließe sich von seiner ganzen dichterischen Produktion vielleicht sagen, "er sei vor allem  M a l e r ,  und was im Momente der Konzeption, allem vorauf, in seiner Seele stehe, das seien Urwaldsszenerien, Einöden und Riesenströme. Dann erst komme die Staffage, die je nach ihrer Art, von dem ihm gewählten Landschaftsbilde Charakter und Name leiht".
     In einem gewissen Zusammenhange mit dem hier Gesagten ist es, daß die Charaktere, die seine Phantasie schafft, weder von einer besondern Mannigfaltigkeit, noch von einer besondern Tiefe sind. Aber dies bedeutet innerhalb gewisser Grenzen eher ein Lob als einen Tadel, und kann fast als Kennzeichen des eigentlichen Erzählers gelten. Der eigentliche Erzähler ist in den seltensten Fällen ein hervorragender Charakteristiker, er gibt das Ereignis als solches und hält sich mit einer intimen innerlichen Stellung seiner Figuren zu dem, was geschieht, nicht sonderlich auf. Alle seine Figuren sind ihm vielmehr nur  T r ä g e r  seiner Geschichte; er braucht sie zur Aushilfe, während sie dem Dramatiker alles oder doch fast alles bedeuten. Im Drama geschieht eben alles, was geschieht, nicht um seiner selbst willen, sondern um als Belegstelle für einen bestimmten Charakter oder eine bestimmte Tendenz zu dienen. So hoch dies steht, so wird sich doch ohne Paradoxie behaupten lassen, daß an einem scharfen Charakteristiker innerhalb der erzählenden Dichtung immer eine für die  d r a m a t i s c h e  Dichtung vorzugsweis verwendbare Kraft verloren gegangen sei.
     Möllhausen ist Erzähler pur sang, und  w e i l  er es ist, ist er in einem seltenen Grade populär. Er unterhält, er spannt, er befriedigt. Dabei nichts von Frivolität; seine Schriften durchweht vielmehr ein sittlicher Hauch, der wohlthuend berührt, erhebt und läutert.
     Er lebt seit einer Reihe von Jahren in Potsdam in glücklicher Zurückgezogenheit. Alles in seinem Hause drückt Behagen aus, jenes Behagen, das das Resultat einer äußeren und inneren Freiheit ist. Er schreibt und malt, dichtet und sammelt und erfreut sich der Liebe derer, die das Glück haben, ihm nahe zu stehen. Unter denen, die seinem Talente wie seinem Charakter Aufmerksamkeit und Anerkennung schenken, befindet sich auch Prinz Friedrich Karl und an der "Tafelrunde von Dreilinden" ist B.Möllhausen ein gern gesehener Gast. Speziell auch der Dichter dieser Tafelrunde. Voll glücklichsten Humors, weiß er daselbst "die feste zu feiern, wie sie fallen".
     Auch die Novellen, die dieser Band bietet, werden ihn dem Publikum von  d e r  Seite zeigen, die sein Wesen als Mensch und Dichter ausmacht: einfach, natürlich und fesselnd.


Berlin, im Mai 1882

     Th. Fontane



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